Die metaphorische Krise

September 25, 2010 in artikel

1. Entspricht einer Einleitung

Achtung! Metaphor!

Dieser Milchkaffee entspricht einigen Minuten bei der Arbeit. Zwischen diesem Tropfen Kaffee und meiner Arbeit steht ein verdächtiges Gleichheitszeichen – nämlich ein „entspricht“. Zwischen Bezugsgröße und Vergleichsgröße steht dieses Verbindungsglied, das unser Leben dominiert – die Metapher selbst, der man unmöglich entkommen kann, ständig vertieft und vermehrt sie ihre Schichten: Der alte Groschen. Die Krone. Der Euro.

Dieser alte Groschen ist die „Entsprechung“ der Kaffeetasse und der Arbeit, er steht zwischen meiner Mühe und meinem Genuss. Es sei denn, ich tausche den alten Groschen gegen eine Debitkarte ein. Mit der Debitkarte ist es dann so, als hätte ich einen alten Groschen, der dann dem Kaffee entspräche. Die Karte wird im Kaffeehaus durch den Kartenleser gezogen, als hätte ich schon für den Kaffee gearbeitet. Wir könnten noch weiter gehen und eine Kreditkarte verwenden. Dann wäre es so als würde ich erst noch für den Kaffee arbeiten.

Doch plötzlich gab die Metaphernmaschine den Geist auf, wir standen mittellos und mit leeren Händen da. Kein Milchkaffee mehr. Keine Kronen mehr. Keine Darlehen mehr. Es ist, als hätten die Isländer etwa ein halbes Jahrhundert lang an der westlichen Welt partizipieren dürfen. Wir durften entsprechend so tun, als hätten wir Fernseher und Autos, solange wir Verträge über Ratenzahlungen und Darlehen hatten – doch weder die Autos noch die Fernseher hatten Bestand. Das ist nicht so zu verstehen, als hätten die Darlehen das Geld zu einer Lüge gemacht. Das Geld war schon von vornherein eine Lüge. Oder ein Euphemismus. Dichtung. Lyrik. Und ähnlich wie der isländische Mittelstand sich Spielzeug auf Raten kaufte, kauften sich isländische Geschäftsleute Spielzeuggeschäfte auf Raten. In Vergleichen.

Als das Abenteuer zu Ende war, wurden die Leute geradezu darum gebeten, das Problem nicht zu personifizieren. Aber was sollten die Leute anders tun, als sich in die Arme der Metapher zu flüchten. Zwar waren Personifikationen nie richtig salonfähig gewesen – es wurde nie jemand wegen eines Wirtschaftsdelikts verhaftet –, doch die Metapher ließ sich nicht verhöhnen. Den ganzen letzten Winter über waren eine Menge von Leuten entsprechend wütend – einige ließen sich sogar für ihre entsprechende Wut ins Parlament wählen (und fingen sogleich an, sich entsprechend wie Politiker zu benehmen). Die Leute sprachen vom Fall des kapitalistischen Systems, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres. Leute, denen es nur Vorteile gebracht hatte, es aufrechtzuerhalten.

Das kapitalistische System ist tot, sagten die Leute. Die Metapher ist tot.

Und dann.

Lang lebe das kapitalistische System. Lang lebe die Metapher.

2. Zusatzkronen

Das zwanzigste Jahrhundert war das Jahrhundert der Metapher. Sie war der allmächtige Zusammenhang, dem alle Lyrik hörig war: Die Zeit gleicht dem Wasser – Der Kopf des Menschen ist ziemlich schwer – Das Haupt der Frau ist eine schneeweiße / daunenweiche / Flocke – der Junge mit den Röntgenaugen – der Herr kommt auf einem abgemagerten Gaul geritten – dann reißen wir die Herzen aus unserer Brust, / heften sie an selbige – über dem Haus eine Bombenschar – Draußen zündet der August eine bleiche Sichel .

So klingen einige der gewaltigsten isländischen Kunstwerke des 20. Jahrhunderts – ich möchte gleich unterstreichen, dass ich ihre Bedeutung keineswegs schmälern will, obwohl auch andere gute Texte in dunkleren Nischen gediehen sind, sogar solche derselben Künstler, die wir aufgrund von Bruchstücken ihrer Kunst kanonisiert haben. Doch ich möchte gleichzeitig darauf hinweisen, dass diese Methode, diese Rhetorik und diese Metaphorik vor langer Zeit zu einem so selbstverständlichen Teil unserer Gesellschaft geworden sind, dass sie unseren ganzen Sprachgebrauch infiltriert haben. Die Welt spricht in modernistischen Gedichten mit Metaphern und Metonymien zu uns – wir hören uns Vonbrigði (wörtlich ‚Enttäuschung‘) und Sálin hans Jóns míns (wörtlich ‚Die Seele meines Jón‘) an, kaufen uns Frelsi (wörtlich ‚Freiheit‘) , verschaffen uns Zusatzkronen und legen sie in Bústólpi (wörtlich ‚Grundpfeiler eines Hofs‘) an, dann geht unseres ganzes Eigentum in Rauch auf usw. – doch wenn die gesamte Realität in einer modernistischen Metaphorik spricht, bleibt wenig von der sogenannten „Kraft der Metapher“ übrig, die Metapher selbst wird alltäglich und uninteressant, sie geht zum einen Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus, sie wird zu einem unsichtbaren Ausdrucksmittel, statt zu analysieren und aufzuklären; wir halten nicht mehr inne, um die Realität in ihrem Schein zu reflektieren, sondern verstehen fast schon unwillkürlich den Teil von ihr, den wir zu brauchen glauben, um im Text weiterzukommen, und lassen es dann dabei bewenden. Weil es der Metaphorik unmöglich geworden ist, uns noch zu überraschen.

Es ist behauptet worden, die Metapher habe der Gegenwart nichts zu sagen – sie sei einfach kein Teil der Gegenwart und mit ihr in keiner Weise verbunden. Die Dichter hätten sie in eine hermetische Welt transferiert und die Tür hinter sich abgeschlossen. In der Aufsatz- und Gedichtsammlung Swinging With Neighbours meint die schwedische Surrealistin Aase Berg, dass genau das Gegenteil der Fall sei: „Die moderne Lyrik bespricht die Realität und wendet sich gegen die Metapher. Aber was ist, wenn die irreale Metapher sich gar nicht auf dem Rückzug befindet, sondern es ihr gelungen ist, heimlich in die Realität einzudringen? Was, wenn sie das Alltägliche importiert und sich mit ihm vermischt hat? Das klingt gar nicht so abwegig angesichts der anderen Erscheinungsbilder der Dingwelt wie auch des fetischistischen und in der Tat eher irrealen Reality-Chors oder des Persönlichkeitsmarkts, auf dem Menschen in ihr eigenes unpersönliches Wesen als Individuum investieren, indem sie sich selbst gestalten und zu einem ästhetisch angehauchten, kleinbürgerlichen Trend werden.“ Und weiter: „Lebensstil statt Leben, ich sage nur eines: Golf. Die ganze Realität ist eine Metapher, eine riesige AS-IF-Persönlichkeit, in der man versucht, sich als normal und glücklich darzustellen, obwohl die von Glück erfüllte Normalität an sich todkrank ist und niemand an ihr teilhaben kann, ohne Theater zu spielen. Der Mechanismus der Oberfläche hat die Realität erobert, ist zur Realität geworden, die Seifenoper tut so, als wäre sie ein Doku. Weil Dokureality nicht möglich ist, ohne dass man sich der Realität entfremdet (und zwar indem man so tut, als würde man sich ihr nähern), also nicht ohne dass man ihren dokumentarischen Wert verfälscht.“

Die Realität ist nicht nur unglaublicher als die Dichtung, sie ist geradezu mehr Dichtung als die Dichtung selbst. Diese wiederum ist gleichsam eine Realität, die gleichsam Dichtung ist. Sie ist nicht länger Enthüllung, sondern vielmehr Verhüllung.

3. Die Realität (ab)bilden

Genauso wie Addition und Subtraktion ist es uns auch beinahe unmöglich, uns die Realität ohne Metaphorik vorzustellen – jeder kritische Zeitungsartikel bedient sich der Metaphorik und manchmal (meist?) solcher von geringer Qualität – die Metaphorik ist einfach eine feste Größe in der Sprache, sogar ein Ausgangspunkt der ganzen Sprache, angefangen von der Werbung über den Schlager bis hin zu einer gewöhnlichen Unterhaltung, und sie steht immer noch hinter dem Ruder der Lyrik: Wir vergöttern die Metaphorik, weil sie uns an eine andere Zeit erinnert, als die Metaphorik noch immer virulent war. Bevor die Wände zu blinken begannen und aus allen Ecken der Realität unvorhergesehen Zeichen auftauchten.

In den Jahren vor dem Banken-Crash war es auf Island gang und gäbe geworden, Künstler dazu zu benutzen, um allerlei Müll zu verkaufen – Bankenmüll und anderen Müll, Chips, Autos, Kleidung … Es ist bekannt, wie der Markt alles vereinnahmt, was cool ist, und es mit der Ware paart, die er uns andrehen will – Liebe ist wie Limonade trinken, die Freiheit wie ein großes Auto in der Garage, Fast Food ist wie Slow Food – und zu dem, was cool ist, zählen einerseits eben auch Künstler wie Krummi von Mínus, Sjón, Nýhil, Gerður Kristný, Einar Kárason , und andererseits die Werkzeuge der Künstler, die Form, die Innovation, der Sound und nicht zuletzt: die Metaphorik. Früher machte man die Welt frei, indem man auf einen Stuhl stieg und sagte, dass ein Mädchen ein zu enges Kleid anhätte – aber jetzt ist es Freiheit, Guthaben auf dem Mobiltelefon zu haben. Die Brustwarzen von Magga verkaufen Druckerzeugnisse der Regenbogenpresse, Lyriker sind wie Wirtschaftswikinger, Rockmusik ist wie eine Fluggesellschaft, und die Revolution, die einst wie ein tapeziertes Zimmer im Kopf war , ist jetzt eine Revolution auf dem Gebiet der Impfstoffe, eine Revolution auf dem Gebiet der Müllentsorgung, eine Revolution auf dem Gebiet der Kommunikationstechnik. Das Zimmer ist mit Metaphern tapeziert.

Aber diese Metaphern tun nichts, um uns einen tieferen Einblick in die Welt zu verschaffen. Sie sind nicht einmal lustig. Wir inhalieren die Sprache wie (entschuldige die Metapher) wir uns Transfettsäuren oder Mononatriumglutamat reinziehen – alle Wände triefen geradezu vor Ekel, doch wir haben keine Wahl.

4. Gleichsam noch mehr Realität

Als der Banken-Crash über Island hereinbrach, fielen die Blogger über das Kulturerbe her. Sie zitierten die klassische Lyrik des 19. und 20. Jahrhunderts und entstellten sie. Aus den bekannten Gedichtzeilen von Steinn Steinarr „Im Traum jedes Menschen ist sein Fall begründet“ wurde „In der Bank jedes Menschen ist sein Fall begründet“, und es ließen sich leicht noch andere Beispiele anführen. Alte Gedichte wurden neu gestaltet, um einer neuen Realität zu begegnen. Die Isländer haben es immer bevorzugt, die eigene Vergangenheit zu verklären – das gilt sowohl für den Arbeitskampf der 40er Jahre des 20. Jahrhunderts (der damals sicher trostlos war, im Rückspiegel betrachtet aber ganz super) als auch für den Unabhängigkeitskampf des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Wir vergleichen uns mit der Vergangenheit, um einerseits an ihrem Glanz teilzuhaben und andererseits unsere Trauer mit nostalgischer Rhetorik zu erhöhen.

Wenn über Politik gesprochen wird, ist (selbstverständlich) alles „wie“ etwas anderes. Die Icesave-Verträge sind wie der Versailler Vertrag. Der EU-Beitritt ist wie die Unterschrift unter dem Gamli sáttmáli . Nichts ist, was es ist, sondern etwas anderes. Die Krise in Island ist wie die Krise in den Vereinigten Staaten von 1930. Und wenn ausreichend Metaphern eingesetzt worden sind, beginnen verschiedene Nebenrealitäten zu existieren – die Gerüchte darüber, dass Geschäftsleute begonnen hätten, sich reihenweise das Leben zu nehmen (ähnlich wie in den Vereinigten Staaten vor etwas weniger als einem Jahrhundert), waren so hartnäckig, dass einige Zeitungen sie sogar zitierten. Bis die Behörden eingriffen – die Selbstmordrate war geringer als in den Jahren zuvor, und es gab keine Hinweise darauf, dass die Krösusse dabei waren, sich die Pulsader aufzuschneiden.

Die lesbische Premierministerin Islands ist wie der schwarze Präsident der Vereinigten Staaten. Aber leider ist die linke Regierung in Island nur „wie“ eine linke Regierung. Die Ausdrucksweise ist immer noch linksgerichtet („Das kapitalistische System ist tot!“), doch die Realität ist eine andere („Lang lebe das kapitalistische System!“).

5. Entschuldige – weit hergeholte Zusammenhänge

Die Metaphorik ist ein Status quo, zugleich Ausgangspunkt und Gefängnis – und eben dieser Punkt ist gestohlen worden, ob es uns nun gefällt oder nicht. Ohne seriöse Profundität, ohne Differenzierung und gründlichen Kausalitätsbezug ist die Metaphorik ein unbrauchbares Ruder für den Lyriker. Die Zeit gleicht nämlich nicht länger dem Wasser, sie ist wie irgendein verfluchter Müll, ohne den du nicht mehr leben kannst.
Diejenigen, die nur von der Metapher leben wollen, müssen wohl oder übel hungern. Solche Lyrik wird nie etwas anderes sein als ein Reklameschild für sich selbst. Eine Metapher für eine Metapher, die eine Metapher verhüllt. An sich wäre das, bewusst ausgeführt, ein interessantes Experiment, doch als nur noch ein weiterer Tropfen im schier bodenlosen Ozean der Nachahmungsgedichte, der ständig über die Metropolen und Städte der Welt schwappt, ist sie einfach unwillkommen.

Doch dieses Ruder – die Metapher –, dieser Ausgangspunkt ist so mächtig und allumfassend, dass er gerne ganze Kunstwerke verschlingen will. Ganze Gedichtbände fallen der Metapher zum Opfer. Sie ist kaum mehr aufzuhalten, wenn sie erst einmal in Fahrt ist (zählen sie doch nur die Metaphern in diesem Aufsatz, das war nie so geplant!). Und dann frage ich: Was, wenn wir die Flucht ergreifen und statt 1000 Blumen erblühen zu lassen, nur 999 Blumen zu blühen erlauben, wenn wir das Absehbarste der lyrischen Werkzeuge – die Metaphorik – entfernen und die anderen bevorzugen? Ist das überhaupt eine denkbare Realität? Wie eine Realität ohne Subtraktion und/oder Addition? Was, wenn wir die Metaphorik in die zweite Reihe verbannen? Wenn wir versuchen, die Welt mit den anderen Werkzeugen zu bewältigen – Parallelismus, Klang, Dekonstruktion, Rekonstruktion, Stabreim, Antithese, Widerspruch, Kitsch, Konkretisierung, Copy & Paste, Satire und so weiter und so fort – wenn wir der Metaphorik an die dritte, vierte, fünfte Stelle setzen, sie so weit hinten, wie nur möglich, platzieren? Lasst uns aufhören, diese Krücke zu verwenden, die unser Denken und unsere Kunst rechtfertigen soll! Was dann? Was, wenn wir aufhören, so zu tun, als seien wir Künstler, und versuchen, Künstler zu sein? Ich bin mir nicht sicher, ob es gelingt – höchstwahrscheinlich misslingt es sogar –, aber sollte man es nicht dennoch versuchen?

6. Nicht vom Fleck kommen

Es gibt nur weniges, was Künstlern so viel Unbehagen bereitet, wie die Tatsache, mit der Neigung der Kunst konfrontiert zu werden, sich selbst zu wiederholen und nicht vom Fleck zu kommen. Wir machen uns vor, die Kunst sei das Erhabene, das Originäre – sie fahre wie ein Eisbrecher über die sieben Weltmeere, um der Wirklichkeit auf den Grund zu gehen, sei es nun die Wirklichkeit unseres Seelenlebens oder die der äußeren Welt, sie zeige uns das Wesen der Dinge auf, den Verlauf der Welt, sie belehre uns über Schönheit und Hässlichkeit. Doch wenn wir uns umsehen, objektiv und aus einer selbstkritischen Distanz, dann erleben wir tagtäglich eine andere Wirklichkeit: Noch ein Gedicht, das gegenüber seinen Vorgängern nichts Neues zu bieten hat, noch ein verdammtes Lied, noch mehr Performances, Gemälde, Symphonien, Filme, Romane – alle ihrem Wesen nach dem ähnlich, was schon vor ihnen da war. Wird diese Flut denn nie aufhören, werden wir nie Ruhe haben?

Ein junger Mensch schreibt einen ziemlich guten Text, bildreich und flüssig, und er erntet Lob dafür – von da an feilt er weiter an diesem Text, sein ganzes Leben lang, in lyrischer Selbstherrlichkeit und in dem seltsamen Glauben daran, dass Gedichte, die ausgefeilt oder bildreich genug sind, etwas für die Welt tun, was polierte Autos oder überproduzierte Popsongs nicht können. So sind neun Zehntel der Lyrik vielleicht in erster Linie eine Art von Kitsch – Versuche über geschliffene Metaphern, um den Sinnen zu schmeicheln, über feine Aphorismen und Sprüche, um der Logik zu schmeicheln, ausgeführt in der kultivierten Sprache der Weisheit – technisch, kühl, hässlich und vielleicht in erster Linie passiv; diese Lyrik kümmert sich nicht um den Augenblick, sondern beschäftigt sich mit nichts Konkretem, auf dass sie ewig lebe, auf dass sie klassisch werde. Himmel, Meer und heiße Liebe – sie weist nur auf das Allgemeine hin. Wer sich zu sehr um den Augenblick kümmert – um das Abstrakte –, der läuft Gefahr, schnell veraltet zu sein, keine lange Lebensdauer zu haben – und es herrscht ein offener Konsens darüber, dass das, was nicht klassisch ist, auch irgendwie wertlos ist. Ein Kunstwerk, das heute gut ist, soll auch morgen gut sein, sonst gehört es nicht der Ewigkeit an und war von Anfang an nicht gut, sagen wir und schütteln missbilligend den Kopf.

Aber natürlich ist die Ewigkeit alles andere als ein einfaches Phänomen – ganz zu schweigen von der Beziehung des Augenblickes zur Ewigkeit. Die Ewigkeit folgt keiner Linie: Die Ewigkeit ist jeder einzelne Augenblick gleichzeitig. Die einzige wirkliche Beziehung, die wir zu ihr haben, ist der Augenblick, das Jetzt – jetzt ist die einzige Ewigkeit, die stets bleibt, unschuldig und heilig. Und es spielt keine Rolle, was wir über den Augenblick denken, wenn er verschwunden ist, er bleibt dennoch ewig. Diejenigen, die einen einzelnen Augenblick beeinflussen, haben Einfluss auf die gesamte kritische Masse von Augenblicken, die wir Ewigkeit nennen, ganz unabhängig davon, was in zehn, zwanzig, dreißig, hundert oder tausend Jahren populär sein wird. Und obwohl ich kein großes Gewicht darauf lege, können immer Argumente dafür beigebracht werden, dass gute Kunst eben jene Kunst ist, die selbst irgendwann veraltet, die den Ideenbrunnen ihrer Möglichkeiten dermaßen austrocknet, dass nie wieder ein einziger Tropfen aus ihm geschöpft werden kann. Sie verändert den Augenblick, den sie lebt, und verschwindet dann in die Ewigkeit – wird zu einem Gemeinplatz, den alle kennen, zu etwas komplett Selbstverständlichem, das nie mehr wiederholt oder umgeschrieben zu werden braucht, eine Kunst, die ihre Vergangenheit und ihre Zukunft erleuchtet hat und ein untrennbarer Teil unseres Verständnisses von der Welt geworden ist. Wie Addition und Subtraktion – etwas, das zu durchschauen einer enormen Anstrengung bedarf und ohne das die wenigsten von uns auch nur einen winzigen Augenblick lang leben könnten.

Zudem scheint es mir absolut beliebig zu sein, was wir später einmal bemerkenswert finden werden. Denn hier kommt quasi die Weltgeschichte ins Spiel, sie taucht am Ort des Geschehens auf und beginnt, Bilder zu machen, sie führt Protokoll, fertigt Skizzen und Graphiken an, zeichnet Stammbäume. Wir versuchen, die Ewigkeit zu kartografieren. Markieren sorgfältig das, was uns in einem oder in einigen Augenblicken etwas Besonderes zu sein scheint, zumindest in einer imaginierten Objektivität, um zu verhindern, dass es veraltet. Aber mit diesen Methoden, dieser ewigen Unterordnung der Dinge, gestalten wir die Ewigkeit nicht neu. Stattdessen erschaffen wir eine ganz neue Ewigkeit, eine erschwingliche Vorstellung von Ewigkeit, linear und historisch. Wir erschaffen eine Hierarchie, die uns etwas darüber sagen soll, wer wir einmal gewesen sind. Unwillkürlich werden wir alle Opfer dieser Vorstellung von Realität – von Kunst als einem Bruchteil dessen, was in einer hierarchischen, in Schubladen gedachten und linearen Entwicklung geschehen ist, und nicht dessen, was ständig und permanent um uns herum geschieht. Die Schubladen und die Hierarchie helfen uns sicherlich dabei, einiges zu verstehen, doch wenn wir vergessen, dass sie nur Phantasien irgendwelcher Leute sind, die wir nie getroffen haben, dann werden sie zu einer Religion. Sie bestimmen unsere Vorstellungen von Kunst, und wir legen sie als Maßstab an die Kunst an, die uns umgibt, so dass sämtliche Diskussionen und Überlegungen zur Kunst fast pathologisch damit beschäftigt sind, Künstler auf irgendwelche Plätze zu reihen und in irgendwelche Stammbäume einzutragen, als wären sie Athleten oder Zuchthunde. Außerdem wird den Leuten selbst viel mehr Gewicht verliehen, als überhaupt nötig ist. Dann reicht es kaum aus, nutzlose Fragen zu stellen wie Welches war der beste Gedichtband im letzten Jahr?, sondern es muss weitergehen mit Fragen wie Wer war der beste Lyriker im letzten Jahr? – oder sogar, um die Sache noch spannender zu machen, Wer war der beste neue Lyriker im letzten Jahr. Als ginge es in der Kunst darum, wer der Beste ist – wie bei einem Wettlauf.

Es ist nicht nur der oberflächliche Journalismus, der einen Hang dazu hat, Künstler danach zu fragen, wie ihr Traumwochenende aussieht oder was sie in ihren Taschen haben – das zieht sich auch durch die sogenannten Abhandlungen über Kultur, ganz gleich ob im Feuilleton des Morgunblaðið oder der New York Times.
Die 100 besten Bücher des 20. Jahrhunderts, die 1000 besten Gedichte der Weltgeschichte, die 10.000 besten Dichter aller Zeiten, die 100.000.000 besten Metaphern für die Ewigkeit – bla bla bla bla.

Auf diese Weise betet die Gegenwart eine veraltete Vergangenheit an, und zwar auf Kosten der lebendigen Gegenwart. Und sie verachtet einen großen Teil dessen, was bewußt durch den Augenblick gekennzeichnet ist, in dem es existiert, nämlich das, was die Schlacht um Bedeutung in der Geschichte, den Medien, der Katalogisierung, der Definition und der Mythenbildung verloren hat.

Das Interesse der Gegenwart an dem, „aus dem noch nichts geworden ist“ – das heißt an dem, was noch nicht Teil der historischen Realität ist –, ist dann durch diese Anbetung gekennzeichnet, wenn hochmütige Vertreter der Kulturmedien durch die Gedichtbände der neuesten Autoren trippeln und Vergleiche mit dem anstellen, was schon geschrieben worden ist: Bestehen sie den Vergleich, so wird gefragt, ob die Metaphern so gut wie bei Steinn Steinarr sind, ob sich die Rhetorik mit der von Sigfús Daðason messen kann, ob die Gedichte so verrückt sind wie die von Dagur Sigurðarson – aber nur selten wird Stellung zu der Frage genommen, welchem Zweck es überhaupt dient, Dagur Sigurðarson, Steinn Steinarr, Sigfús Daðason und all die anderen zu einem Maßstab zu machen und diesen Maßstab dann an neuere Kunstwerke anzulegen.

Diese Maßstäbe sind übrigens meist hinterlistiger als in oben genannten Beispielen – sie liegen oft dahinter verborgen – und die Schubladen oder Urteile können dann „fruchtbare Metaphorik“ (oder auch nicht) und „kräftige Rhetorik“ (oder auch nicht) lauten; als Norm fungieren dabei eine Menge von Autoren, zahllose Gedichte, ja sogar ein ganz unbestimmter Wert aus der Kunstgeschichte, etwas, was wir als selbstverständlichen Zweck der Kunst und der Lyrik betrachten. Aber das ist es vielleicht gar nicht.

Mit Hilfe dieser Methoden konservieren wir dieselben Werte, sowohl in den Herzen der Interpreten und Ausübenden als auch der Lyriker und Literaturwissenschaftler, während diejenigen, die sich am hartnäckigsten innerhalb des Rahmens halten, die den Lesern am besten verständlich sind und deshalb das meiste Lob ernten, Erfolg haben – so nennt man das; für sie wird ein Platz in der Kunstgeschichte reserviert, damit der Zirkus weitergehen kann. Das System ermutigt regelrecht zur Wiederholung, es fordert sie sogar – doch damit haben wir, als Künstler und Kunstkonsumenten, jede Fähigkeit verloren, die Kunst und das Erschaffen von Kunst unter ihren eigenen Voraussetzungen zu genießen, als wären wir zu Analphabeten geworden.

7. Ist es auch ein Klischee, mit seinen Überlegungen aus dem Rahmen zu fallen?

Jede Kunst, die sich nicht traut, aus ihrer Gegenwart auszusteigen – aus der Unsinnigkeit und Ausweglosigkeit des herrschenden Geschmacks –, jede Kunst, die eine positive Diskussion oder Zustimmung erwartet, jede Kunst, die sich nicht traut, sich zu verändern, sich zu entstellen oder zu zerstören, jede Kunst, die sich nicht traut zu misslingen, sogar fatal zu misslingen und Hohn, Häme und Spott über sich ergehen zu lassen, traut sich nicht, mit ihren eigenen Widersprüchen umzugehen, und führt meines Erachtens im Großen und Ganzen zu nichts. Sie macht wenig aus ihren Möglichkeiten und dient der Kunstgeschichte mehr als der Kunst. Sie ist Coverband-Kunst, Dorfdisco, Eitelkeit – ihr geht es nicht um Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, sondern darum, sich dem eingebildeten Geschmack der Menge anzubiedern, die wir Zuhörer, Zuschauer, Leser und Gedichtliebhaber nennen. Sie dient der Vorstellung von Kunst, die man uns oktroyiert hat. Statt uns auf eine kritische, herzergreifende und erfinderische Weise mit den Werkzeugen der Kunst zu beschäftigen, mit ihrer Form und ihrem Inhalt, ahmen wir das nach, was uns zu lesen aufgetragen wurde, damit es an Steinn Steinarr, Sigfús Daðason oder Dagur Sigurðarson erinnert. Und dennoch ist allen klar, dass wir nicht die Nachahmungen der Werke großer Dichter lieben – sondern die Werke selbst.

Vielleicht ist das eine Furcht, die der Kunst – oder genauer der Ausübung der Kunst – anhaftet, die Angst zu scheitern, uns schämen zu müssen oder etwas ganz anderes zu erschaffen, als wir eigentlich geplant haben, etwas das uns nicht gefällt. Angst davor, ausgelacht zu werden. Und vielleicht ist es einfach nicht die Kunst, an der wir interessiert sind, vielleicht wollen wir uns nicht mir ihr befassen, sondern mit dem Glanz der Berühmtheit – vielleicht haben wie nie etwas anderes angestrebt als Snobismus und Eitelkeit.

Aber jetzt ist genauso wenig wie früher die rechte Zeit dafür, vorgegebenen Ideen zu verfallen – jetzt ist es wie immer Zeit, Widerstand zu leisten, sich mit Zähnen und Klauen zu wehren. Jetzt ist es Zeit, die Textwirklichkeit zu kontern, statt verschwundene Zeiten (außer es handelt sich um eine Reaktion gegen die Textwirklichkeit) und verlorene Gedichtbände aus einer vergessenen Zeit – weder unsere eigenen noch die anderer – wieder aufleben zu lassen. Die Lyrik ist jetzt genauso wenig wie früher ein Transportmittel für kritische Artikel oder andere Meinungen, kein Transportmittel für Beschreibungen unserer Gefühle – denn wir sollten die alte Wittgensteinsche Weisheit nicht vergessen, jetzt genauso wenig wie früher, dass ein Gedicht nicht der Informationsübermittlung dient, selbst wenn es in der Sprache der Aufklärung verfasst ist – dafür sind kritische Zeitungsartikel und private Korrespondenz da. Jetzt ist es wie immer an der Zeit, nicht mehr nach Nummern zu malen, weder dem Mythos vom Autor noch dem vom Werk zu verfallen, die Welt wieder aus den Händen derer zu befreien, die Gutes nicht zu schätzen wissen und deren einzige Absicht es ist (bewusst oder unbewusst), uns zu knechten und zu verdummen.

Aus dem Isländischen von Jón B. Atlason und Alexander Sitzmann

Die metaphorische Krise wurde dann 2009 in der Literaturzeitschrift „ Lichtungen” veröffentlicht.